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Archäologie

Pfalz der Ottonen

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Zahlreiche Baubefunde deuten auf eine Renovierung und den Ausbau der Pfalzanlage im 10 Jahrhundert. Das Fälldatum von Gerüstbalken in der Königshalle kann dendrochronologisch in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts, wahrscheinlich um 986, datiert werden. Die wichtigsten archäologischen Beobachtungen betreffen jedoch die Sakralbauten. Erst 2004 wurden auf dem Saalplatz zwei mutmaßliche Kirchen archäologisch nachgewiesen. Sie sind als Vorgängerbauten der noch heute stehenden Saalkirche zu deuten. Damit ist das Problem der früh- und hochmittelalterlichen Sakraltopographie der Pfalz Ingelheim im Prinzip gelöst.

Bau I - Der Trikonchos

Grundriss des Trikonchos Grundriss des Trikonchos | © 

Bereits der Gründungsbau der Ingelheimer Kaiserpfalz verfügte über eine Pfalzkapelle. Insoweit haben die archäologischen Ausgrabungen auf dem Saalplatz 2003 / 04 eine zentrale Frage zur Baugeschichte der Kaiserpfalz zu klären vermocht. Etwa 50m nördlich vor der Saalkirche wurde das frühe Sakralzentrum der Karolingerpfalz entdeckt. Es wurden Reste von zwei Kirchen freigelegt, die dem Bau der Saalkirche im 10. Jahrhundert voraus gehen.

Die älteste nachweisbare Kapelle ist ein Bau mit drei Apsiden, der dem seltenen Bautyp der Trikonchien angehört: Drei Konchen mit einem Durchmesser von je ca. 4m sind im rechten Winkel angeordnet. Der Westabschluss der Kirche wurde beim Leitungsbau im 20. Jahrhundert vollständig zerstört. Hier ist das Kirchenschiff in der Form eines kleinen Rechtecksaals zu vermuten, - auch ein Zentralbau mit vierter Apsis wäre denkbar, hat aber nach dem Grabungsbefund die geringere Wahrscheinlichkeit.

Der Trikonchos ist originär eine antike Bauform. Im frühen Mittelalter lebte der Bautyp vor allen Dingen in der byzantinischen Kirchenbaukunst weiter. In Europa entstanden einzelne Bauten diesen Typs im Hochmittelalter, so zum Beispiel im Kloster St. Johann in Müstair (CH). Aus karolingischer Zeit ist ein Trikonchos in der Abtei Essen-Werden bekannt, dessen Existenz durch neuere Grabungen allerdings in Frage gestellt wird.

Bau II - Der Apsidensaal

Grundriss des Apsidensaals Grundriss des Apsidensaals | © 

Vor 900 wurde der Trikonchos aufgegeben und durch einen Apsidensaal ersetzt. Der Baubefund lässt keine gesicherten Rückschlüsse darauf zu, warum die Bestehenszeit der Dreikonchenkapelle verhältnismäßig kurz war. Statische oder bautechnische Gründe wären denkbar. Es dürfte außerdem von Bedeutung gewesen sein, dass der Apsidensaal deutlich mehr Platz bot als die frühe Kapelle.

Es gibt bislang keine Funde, die das zeitliche Ende des Apsidensaals zuverlässig anzeigen würden. Die Tatsache, dass die Saalkirche nicht an diesem Platz auf bereits geweihtem Boden, sondern in baulicher Nachbarschaft errichtet wurde, liefert einen Hinweis darauf, dass der Apsidensaal erhalten werden und in Koexistenz mit der größeren Kirche fortbestehen sollte. Der Grund hierfür dürfte in einer funktionalen Trennung liegen, etwa zwischen einer Hauptkirche und der königlichen Privatkapelle.

Mit der Entdeckung der Kirchen I und II wurde die strittige Frage nach dem Standort der karolingischen Pfalzkirche(n) gelöst. Während die ältere Forschung bis 1964 in der Saalkirche die Pfalzkapelle Karls des Großen sah, offenbarten die stratifizierten Grabungsfunde der Ausgräber Walter Sage und Hermann Ament, dass deren Fundamente nicht vor 900 gelegt worden sein konnten. Seither wurde das Sakralzentrum an verschiedenen Plätzen zu verorten gesucht, unter anderem in einem Vorgängerbau der St. Remigiuskirche 400m außerhalb des Palastareals.

Bau III - Die Saalkirche

Grundriss der Saalkirche Grundriss der Saalkirche | © 

Im 10. Jahrhundert wurde südlich von Kirche II die Saalkirche errichtet. Dieser Bau war bedeutend größer als der bestehende Apsidenbau im „Mitteltrakt“. Das Schiff hatte annähernd doppelte Länge. Die ausladenden Querhausarme boten nicht nur mehr Platz, sondern auch Raum für besondere liturgische Funktionen.

Obwohl die spezifischen Anforderungen an die Architektur einer Pfalzkirche noch einigermaßen im Dunkeln liegen ist zu vermuten, dass der durch Vierung und Querhausarme geschaffene Platz in Nähe zum Sanktuarium besonders für Herrschaftskirchen geeignet schien. An diesem Ort fanden die für das 10. Jahrhundert in Ingelheim zahlreich überlieferten Festkrönungen statt.

Bei den einschiffigen Kreuzkirchen handelt es sich um eine für die ottonische Sakralarchitektur kennzeichnende Bauform. Einzelne der Vergleichsbauten standen ebenfalls in oder bei Königssitzen, wie zum Beispiel in Dortmund, St. Pantaleon und in Gebesee (Kr. Erfurt).

Weitere mittelalterliche Kirchen in Ingelheim

Blick von der Saalkirche über das Saalgebiet in Richtung St. Remigiuskirche Blick von der Saalkirche über das Saalgebiet in Richtung St. Remigiuskirche | © 

Neben den Sakralbauten im Kern des Palatiums existierten weitere Kirchen am Ort, die im Bedarfsfall für die Kaiserpfalz nutzbar gemacht werden konnten. Ihrer Bestimmung nach sind es Pfarr- oder Coemeterialkirchen, doch spielt ihre originäre Funktion offenbar keine Rolle für die zeitlich befristete Nutzung durch den Hof.

Ein anschauliches Beispiel bildet die große Reichssynode von 948. Sie tagte unter dem Vorsitz des päpstlichen Legaten Marinus von Bomarzo in Anwesenheit des deutschen und des französischen Königs in der St. Remigiuskirche. Vielleicht bot die eigentliche Pfalzkirche nicht genügend Platz für die zahlreichen Synodalteilnehmer? Die eigentliche Motivation für den Ortswechsel dürfte aber die räumliche und ideelle Nähe des Kirchenpatrons St. Remigius gebildet haben, dessen Patronat als ein gutes Vorzeichen für die Schlichtung des Reimser Bistumsstreites angesehen worden sein dürfte.

Zwei der drei in den Quellen genannten Sakralbauten existieren noch heute als Pfarrkirchen für das Stadtgebiet Ingelheim: St. Remigius in der Flur „Belzer“ in Nieder-Ingelheim und St. Wigbert, die Burgkirche mit Wehrfriedhof in Ober-Ingelheim. Hingegen ist die 1407 erstmals erwähnte St. Peter und Paul-Kirche nicht lokalisierbar, sie wird bereits in der Frühneuzeit untergegangen sein.

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