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Inhalt:

Archäologie

Ausgrabungen seit 1993

Grabungsprojekte in Auswahl



 

Seit dem Jahr 1993 wird in der Ingelheimer Kaiserpfalz unter Leitung von Holger Grewe an verschiedenen Stellen gegraben. Folgend werden ausgewählte Grabungskampagnen kurz vorgestellt:

Ausgrabungen Mainzer Straße und Gräberfeld Rotweinstraße


Ausgrabung Mainzer Straße/Ottenenstraße | © 

Das Jahr 2015 hielt umfangreiche und erkenntnisreiche Ausgrabungsprojekte für die Archäologen der Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim bereit. Deren Ergebnisse stellten Oberbürgermeister Ralf Claus, Beigeordnete Irene Hilgert und das Forscherteam – Holger Grewe, Matylda Gierszewska-Noszczynska und Piotr Noszczynski – nun der Öffentlichkeit vor. Die beiden Hauptgrabungen, welche in der Mainzer Straße und in der Rotweinstraße in Nieder-Ingelheim stattfanden, förderten weitere neue Erkenntnisse zur Merowingerzeit in Ingelheim zu Tage. Damit gewann diese bis vor kurzer Zeit wenig durchleuchtete Epoche der Ingelheimer Stadtgeschichte erneut an Konkretion.

Das umfangreichste Ausgrabungsprojekt fand von Mai bis Oktober in der Mainzer Straße statt. Dort untersuchte die Forschungsstelle vor Baubeginn ein Areal, das für die Errichtung von Wohnbebauung durch die Wohnungsbaugesellschaft Ingelheim vorgesehen ist. Bei der 2400qm großen Fläche handelt es sich um die bisher größte archäologische Baufelduntersuchung in Ingelheim. Im Interesse der Forschung stand das Gelände deshalb, weil an dieser Stelle ein frühmittelalterlicher Siedlungsbereich der Kaiserpfalz Ingelheim vermutet wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft waren Siedlungsspuren aus dieser Zeit schon in den 1990er Jahren beim Bau der Ottonenstraße entdeckt worden. Daher wurde Dank der engen Abstimmung aller Beteiligten bei der Planung des Bauvorhabens von Anfang an ein ausreichend großes Zeitfenster für archäologische Grabungen eingeplant.
Die erhofften Reste einer frühmittelalterlichen Siedlung fanden sich nun auch auf dem diesjährigen Grabungsgelände zwischen Ottonenstraße und Mainzer Straße. Es war bis vor kurzem mit Wohnhäusern bebaut und konnte nun erstmals archäologisch erforscht werden. Zunächst stieß die Forschungsstelle auf die Vorgängerbauten der vor wenigen Monaten abgerissenen Wohnhäuser, deren älteste Spuren sich bis in die Zeit um 1500 zurückverfolgen ließen. In den tieferen Schichten kamen dann die im Fokus stehenden Reste des Frühmittelalters zu Tage. Drei bis vier Grubenhäuser, die als Werkstätten und Lagerhäuser dienten, konnten entdeckt werden. Ihre Entstehungs- und Nutzungszeit lag im 7. Jahrhundert. Die Häuser gehören damit in die gleiche Zeit wie der älteste Vorgängerbau der St. Remigiuskirche und das frühmittelalterliche Gräberfeld in der Rotweinstraße.

Ausgrabung Mainzer Straße/Ottenenstraße | © 

An diesem Gräberfeld fand die zweite große Grabung des Jahres statt. Ebenfalls ausgelöst durch eine bevorstehende Baumaßnahme wurden in der Rotweinstraße 200qm des bereits bekannten Gräberfeldes abschließend untersucht. Wie bereits berichtet, waren die vier gefundenen Gräber beraubt und daher weitgehend ohne Fundmaterial. Eine spektakuläre Ausnahme bildete ein wertvoller Fingerring, dessen Material durch eine Restaurierung inzwischen gesichert bestimmt werden konnte. Er besteht aus zwei Teilen unterschiedlichen Alters: Einem Silberring aus der Merowingerzeit (7. Jahrhundert) und einem großen Schmuckstein aus dem 1. bis 3. Jahrhundert. Der Achat zeigt ein außergewöhnliches Motiv: Eine Gans samt Tranchiermesser wurde in den Stein geritzt – ein Sinnbild für das Luxusleben der römischen Oberschicht. Seine Wiederverwendung zeugt von der Wertschätzung der Merowinger von Kunst und Kunsthandwerk der Antike.
Das Grab, aus dem der Ring stammt, hat einen auffallend großen Abstand zu den übrigen Gräbern. Solche besonderen Gräber waren häufig durch Grabhügel, sogenannte Tumuli, kenntlich gemacht. Solch eine Grabform wird von der Forschungsstelle nun auch für dieses Grab erwogen.

Neben den beiden Flächengrabungen in der Mainzer Straße und der Rotweinstraße waren die Archäologen der Forschungsstelle auch 2015 wieder im Rahmen des sogenannten archäologischen Stadtkatasters tätig. Hierbei werden vor oder während Baumaßnahmen in historisch relevanten Bereichen des Stadtgebiets die Arbeiten archäologisch begleitet, um bodendenkmalpflegerische Belange zu wahren. Hierzu waren die Wissenschaftler am Winzerkeller in Nieder-Ingelheim im Einsatz sowie mehrfach an der Ortsbefestigung Großwinternheim.

Der Ausblick auf die archäologischen Aktivitäten im Jahr 2016 verspricht die Möglichkeit einer Forschungsgrabung in der Kernzone der Kaiserpfalz Ingelheim. An der nordöstlichen Ecke der Aula regia konnte die Stadt Ingelheim ein Grundstück erwerben, in dessen Hof ab dem Frühjahr 2016 für die Dauer einer Kampagne Ausgrabungen beginnen werden. Das Gelände ist von außerordentlich hohem Interesse für die Wissenschaftler, da dieser Bereich am Rande der Thronhalle Karls des Großen noch nie untersucht werden konnte. Die Archäologen erhoffen sich, Nebengebäude oder Anbauten der Aula regia zu finden oder Hinweise auf die bisher spärlich bekannte Innenhofbebauung der Kaiserpfalz.


Ausgrabung Mainzer Straße/Ottenenstraße | © 


2010: Archäologische Ausgrabungen an der St. Remigiuskirche

Im Jahre 2010 konnten erstmals archäologischen Ausgrabungen an der Remigiuskirche im Zuge der Erneuerung des Plattenbelags durch Archäologen der Kaiserpfalz-Forschungsstelle durchgeführt werden. Es wurde eine ca. 3 m breite und 4 m lange Untersuchungsfläche angelegt.

Das Ziel der Grabungskampagne war die Baugeschichte der Kirche kennenzulernen und die Verbindung zwischen St. Remigius und der Kaiserpfalz zu erfahren.
Zu den wichtigsten Befunden dieser Kampagne zählt bislang unbekanntes Mauerwerk, das das älteste Zeugnis einer Vorgängerkirche darstellt. Außerdem wurden zahlreiche Gräber aus unterschiedlichen Epochen entdeckt. Grabbeigaben aus der untersten Schicht lassen vermuten, dass es sich um frühmittelalterliche Grablegen handelt.

Im Rahmen dieser Kampagne werden weitere Untersuchungen durchgeführt. Von drei Bestattungen wurden Proben genommen, um die absolute Datierung der Knochen zu erhalten. Viele weitere offene Fragen wird das Team der Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim in der Auswertungsphase, sowie auch in der Grabungskampagne im Jahr 2011 versuchen zu beantworten.


Ausgrabungen an der St. RemigiuskircheAusgrabungen an der St. Remigiuskirche | © 


2010: An der Saalmühle

Im Jahre 2010 haben sich die Grabungen hauptsächlich an den Randbereichen der Kaiserpfalz konzentriert. Zwischen Juli und Oktober wurde das ca. 1 ha große Weinberggelände in sieben Untersuchungsfeldern erforscht. Die Schnitte wurden erst nach der Auswertung der magnetischen Prospektionsergebnisse an archäologisch relevanten Stellen platziert.

Erwartungsgemäß förderte die Ausgrabung karolingische und weitere mittelalterliche Funde zu Tage. Allerdings lassen sie sich nicht mit weiteren Pfalzbauten verknüpfen. Für Überraschung sorgte ein großer Fundamentrest.

Im Rahmen dieses Projektes werden weitere Untersuchungen durchgeführt. Für die Erdproben aus entsprechenden Befunden werden Pollen- und OSL-Analysen (Lumineszenzdatierung) angefertigt, um weitere Informationen über die Umwelt der Kaiserpfalz im Mittelalter zu bekommen.


Fundamentrest an der SaalmühleFundamentrest an der Saalmühle | © 


2010: Am Zuckerberg


Während der Kanalarbeiten im Jahre 2006 in der Nähe des Wehrturms "Bolander" wurde ein massives Mauerwerk freigelegt. Die Möglichkeit den Befund genauer zu untersuchen, haben die Archäologen 2010 erhalten.

Im Zuge der Straßensanierung wurde eine 2 m breite und 14 m lange Fläche geöffnet. Binnen der fast 5-wöchigen Grabungskampagne wurden unter anderem die Reste der historischen Bebauung, Abbruchhorizonte und Erdschichten, die das Gelände von Norden planierten, freigelegt. Die ersten Straten zeigten die unter der Erde versteckten Fundamente von Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert.

Trotz vieler neuzeitlicher Störungen ist es den Ausgräbern gelungen, das gesuchte Mauerwerk wieder zu finden und erforschen. Die Mauerreste lagen knapp eineinhalb Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Die Funktion dieses Befundes ist bis jetzt nicht eindeutig geklärt. Das Mauerwerk müsste aber zur einer massiven Anlage gehören, da seine Breite ca. 2 m beträgt. Die Dimensionen dieses Befundes erinnern an die Wehrmauer, die circa 10 m westlich von der Grabungsstelle verläuft.

Diese und weitere offene Fragen wird das Team der Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim in der Auswertungsphase versuchen zu beantworten. Die Ergebnisse der archäologischen Grabungen werden mit den kartographischen Quellen verglichen. Auch die Problematik der Datierung soll mit Hilfe der Keramik gelöst werden.



2009: Platz südöstlich der Saalkirche

Die karolingische WasserleitungDie karolingische Wasserleitung | © 

Ein Jahr nach der Entdeckung der Befestigungsreste auf dem Platz südöstlich der Saalkirche haben die Archäologen eine neue Möglichkeit bekommen, den Befund im nördlichen Bereich weiter zu untersuchen. Während der 6-wöchigen baubegleitenden Grabungskampagne wurden außer dem Graben auch die karolingische Wasserleitung und der Südtrakt der Pfalz erfasst. Neue Ergebnisse konnten mit der alten Dokumentation verglichen werden, da an dieser Stelle die Grabungen unter der Leitung von Christian Rauch und Uta Weimann im 20. Jahrhundert stattgefunden haben.

Dank der neuen Untersuchungen wurde das Stratenbild des Grabens ergänzt und die Korrespondenz zwischen diesem Befund und der Kaiserpfalz vervollständigt.

Die freigelegte Wasserleitung wurde unter dem Aspekt der Bautechnik und der Funktion erforscht. Die Konstruktion des Kanals wurde neu erfasst: die unterschiedlich bebauten Wangen auf einer Sohle mit der Abdeckung in Form eines Gewölbes.

Die Fragen nach der Datierung konnte in der kurzen Zeit der Grabung nicht beantworten werden, was aber in der Auswertungsphase mit der
C-14 Methode und der Analyse der Keramik geklärt wird.



2008: Platz südöstlich der Saalkirche

In drei Flächen wurde 2008 erstmals auf dem sogenannten „Karlsplatz“ südlich der Saalkirche gegraben, der bis in die Mitte der 1980er Jahr überbaut war. Aufgrund dessen konnten die Forschungen der 1960er Jahre damals nicht auf diesen Bereich ausgedehnt werden. Überraschenderweise fand man an dieser Stelle Hinweise auf einen Graben, dessen Funktion es nun zu klären gilt. War er Teil einer Verteidigungsanlage, diente er der Entwässerung oder einem anderen Zweck?

Fußbodenstickungen und Keramikfunde deuten auf eine frühmittelalterliche Bebauung hin. Eine gemauerte Wasserrinne war ein weiterer Befund dieser Grabungskampagne, die als Drainage fungierte und womöglich eine Verbindung zur Fernwasserleitung aus Richtung Heidesheim hatte.

links: Die Grabungsfläche 2008 | rechts: Aufnahme der Stratigraphie rund um den gefundenen Grabenlinks: Die Grabungsfläche 2008 | rechts: Aufnahme der Stratigraphie rund um den gefundenen Graben | © 


2007: Am Zuckerberg

Römische Münze Römische Münze | © 

Im Jahr 2007 fanden die archäologischen Ausgrabungen im Bereich der staufischen Erweiterungszone des Pfalzareals statt, in der Straße Am Zuckerberg. Dort fand man Bebauungsspuren und Münzen aus römischer Zeit sowie Pfostenlöcher und Keramik aus dem 7./8. Jahrhundert. Im gleichen Jahr wurden außerdem die Forschungen am Heidesheimer Tor und am „Karlsbad“ fortgesetzt, sowie eine kleinere Untersuchung am Wehrturm durchgeführt.



2006: Sebastian-Münster-Straße Nord, Heidesheimer Tor, „Karlsbad“

Spolie mit Baumornament. Spolie mit Baumornament | © 

Als Pendant zur Bodenöffnung am Südende der Exedra in 2005 wurde im darauffolgenden Jahr an deren Nordende gegraben, genauer in der Sebastian-Münster-Straße an der Verbindung von Exedraaußenmauer und Nordraum. Die Datierung des Nordraums in das Frühmittelalter wurde überprüft und bestätigt. Bemerkenswerte Funde waren hier zwei Spolien, die trotz ihrer Verzierung nicht als Schmuckelemente verwendet wurden, sondern als Mauersteine in den Wänden verbaut waren. Bei erneuten Grabungen am Heidesheimer Tor im Jahr 2006 wurde der Frage nachgegangen, ob sich im Scheitelpunkt der Exedra in frühmittelalterlicher Zeit eine Toröffnung in Richtung Heidesheim/Mainz befand, welche später im Zuge der Befestigung zugemauert wurde.

Bei Grabungen am sogenannten „Karlsbad“ wurden u.a. die Verbindungen der Mauern zueinander untersucht. Da bei den Grabungen unter Rauch und Weimann/Sage die Stratigraphie rund um die Mauern verloren ging, vergrößerte man nun die Grabungsfläche und konnte so die Schichten außerhalb des alten Grabungsbereichs aufdecken. Estrichreste und eine mittelalterliche Mörtelmischwanne gehören zu den Befunden am „Karlsbad“.

Archäologen bei der zeichnerischen Dokumentation vor dem Heidesheimer TorArchäologen bei der zeichnerischen Dokumentation vor dem Heidesheimer Tor | © 



2005: Sebastian-Münster-Straße Süd und
"An der Saalmühle"

Im Jahr 2005 wurde erstmals seit Christian Rauch wieder am südlichen Ende der Sebastian-Münster-Straße gegraben, an dem die Ostseite der Saalkirche sowie das südliche Ende des Halbkreisbaus liegen. Die Befunde von Rauch konnten hierbei bestätigt werden. Ein Überbleibsel von Rauchs Ausgrabungen kam ebenso zum Vorschein: ein Eimer der damaligen Grabungsmannschaft, der beim Verfüllen der Fläche vergessen worden war.

An der Außenseite der Saalkirchen-Apsis wurde die Stratigraphie aufgenommen. Besondere Fundstücke dieser Grabung waren Porphyr, Putzreste mit Bemalung sowie ein Kanal. Die Grabungen An der Saalmühle außerhalb des einstigen Kernbezirks der Pfalzanlage brachten Abflusskanäle und eine Steindrainage zum Vorschein, die vermutlich zur Entwässerung bei starken Regenfällen dienten.



2004: Saalplatz

Grabungskampagne 2004 auf dem Saalplatz Grabungskampagne 2004 auf dem Saalplatz | © 

Der Befund aus dem Vorjahr ließ einen symmetrischen Bau mit drei Apsiden, einen sogenannten Trikonchos, vermuten; entsprechend wurden die Ausgrabungsflächen im Jahr 2004 angelegt. Die Hypothese des Trikonchos konnte im archäologischen Befund bestätigt werden: Die dritte Apsis konnte durch Fußbodenreste und Fallmörtelkanten nachgewiesen werden. Die Bauform eines Trikonchos ist ausschließlich aus dem Kirchenbau bekannt, weshalb durch diesen Befund die Funktion der beiden Gebäude klar wurde: Es handelt sich hierbei um das frühmittelalterliche Sakralzentrum der Kaiserpfalz. Somit konnte 2004 endlich die Frage nach der Pfalzkirche Karls des Großen zuverlässig beantwortet werden.



2003: Südturm Heidesheimer Tor und Voruntersuchung Saalplatz

Schwerpunkt der Grabungen in 2003 war die Erforschung des Turmes 4, der das Heidesheimer Tor an seiner südlichen Seite flankiert. Im Gegensatz zu Turm 3, der das Tor an der Nordseite flankiert und in den Jahren 2000-2001 ergraben wurde, wurde das Turmmauerwerk nach Abriss eines Nebengebäudes hier bereits knapp unter der Erdoberkante angetroffen. Auch die Wasserleitung befindet sich in einem besseren Zustand, jedoch hat sich auch hier das Tonnengewölbe nicht erhalten. Außerhalb des Turmes konnte der Verlauf der Leitung in Richtung Süden festgestellt und dokumentiert werden. Bemerkenswert die Konzentration von Bodenplatten aus Marmor und Porphyr, die neben dem Turm in Sekundärlage vorgefunden wurde.

In der zweiten Hälfte der Kampagne wurde außerdem eine erste Voruntersuchung des von C. Rauch dokumentierten Apsidenbaus auf dem Saalplatz durchgeführt. Apsis, Spannmauer und Nordwand des anschließenden Rechteckraums wurden an derselben Stelle, jedoch teilzerstört vorgefunden. Wichtige neue Ergebnisse waren Fundamentreste in Halbkreisform, die unter dem bereits bekannten Bau freigelegt wurden: diese ließen sich zu zwei Apsiden rekonstruieren.



2002: Halbkreisbau und Säulengang des Heidesheimer Tores

Im Jahre 2002 konnten erstmals großflächige Bereiche zwischen Säulengang und Exedrainnenmauer erforscht werden. Dabei wurde die Spannmauer des Säulengangs, wie auch eine Türsituation im Halbkreisbau, erfasst. Große Flächen von Rotsandsteingrus lassen auf den ehemaligen Bodenbelag des Säulengangs schließen.

Außerdem wurde die unter den Rundtürmen verlaufende Wasserleitung, ausgehend vom Heidesheimer Tor in Richtung Norden, verfolgt. Obwohl hier das Tonnengewölbe bereits zerstört vorgefunden wurde, gaben die Grabungen Auskunft über ein interessantes bautechnisches Detail: Die im Gelände reichlich vorhandenen Schichtenwässer wurden unterhalb der Kanalsohle in einem kleinen Kanal abgeführt, der in die Bruchsteinwange eingebaut wurde.



2000-2003: Heidesheimer Tor

In den Jahren 2000-2003 bildete das „Heidesheimer Tor“ den Schwerpunkt der Ausgrabungen. Das Denkmal, dessen Namengebung vermutlich auf eine aus Sand- und Kalksteinblöcken errichtete Pforte mit Öffnung in Richtung Mainz/Heidesheim zurückgeht, befindet sich im Scheitelpunkt der exedraartigen Halbkreisarchitektur.

Rekonstruktion des Peristyls im Halbkreisbau, Westseite. Abbildung links: nach H. Grewe 1999; Abbildung rechts: nach F. Krause/C. Rauch 1976 Rekonstruktion des Peristyls im Halbkreisbau, Westseite. Abbildung links: nach H. Grewe 1999; Abbildung rechts: nach F. Krause/C. Rauch 1976 | © 

Der Halbkreis hat einen Durchmesser von ca. 89m, ist nach West in Richtung Aula regia geöffnet und umschließt die übrige Pfalzbebauung – soweit diese heute bekannt ist – auf ganzer Breite. Die Grundform dieser Exedra geht auf antike Vorbilder zurück. Nach klassisch antiker Bauweise ist auch deren Säulengang, der auf der Innenseite verläuft, konzipiert worden. Gesimsfragmente mit Bruchstücken monolithischer Säulen und eine in situ (in Originallage) gefundene Basis mit attischem Profil überliefern ein aufwändiges Dekorationssystem.

Abbrucharbeiten am "Heidesheimer Tor", Landesarchäologe G. Rupprecht (rechts) und H. Grewe Abbrucharbeiten am "Heidesheimer Tor", Landesarchäologe G. Rupprecht (rechts) und H. Grewe | © 

Der heutige Bauzustand des „Heidesheimer Tores“ wird von einer Wehrmauer geprägt, deren Ursprung wahrscheinlich in das 12. Jh. zurückreicht. Jüngere Umbauten zeigen an, dass die Befestigung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit weiter benutzt und befestigungstechnisch den Erfordernissen der Zeit angepasst worden ist. Nach 1700 wurde das Gelände mitsamt der Wehrmauer sukzessive überbaut. Es entsteht eine kleinteilige Anordnung verschiedenster Gebäude, zuletzt die 1925 als Tanzsaal errichtete Saalburg.

Es wurden sechs Grabungsflächen im Umfang von ca. 350 Quadratmetern angelegt sowie ein Schnitt durch die gesamte Breite des Wehrgrabens östlich vor dem „Heidesheimer Tor“ geführt. Besonders erfolgreich war eine Untersuchung am Fuß der Wehmauer, in deren Verlauf ein zum Gründungsbau gehöriger Rundturm (Turm 3) freigelegt wurde. Türme dieser Bauart und Größe liegen in anscheinend regelmäßigen Abständen vor der Außenmauer des Halbkreisbaus und sind mit diesem über kurze Halsmauern verbunden. 1968 hatte U. Weimann den vollständigen Grundriss eines Turmes südöstlich der Saalkirche ausgegraben. Bereits 1913/14 fand C. Rauch Turmfundamente, über deren Datierung er jedoch keine Klarheit erlangen konnte. Sie wurden auf Grund von Formvergleichen zunächst in das 12. Jahrhundert gesetzt.

Jetzt zeigte sich jedoch, dass die Turmfundamente mit dem Bau der ersten Periode verzahnt sind. Bei Errichtung der Wehrmauer wurden indessen die Türme abgebrochen oder sie waren schon zuvor zerstört worden. Ein weiteres Zeugnis der ersten Bauperiode ist eine Wasserleitung, die in römischer Bautechnik errichtet wurde. Der gemauerte überwölbte Kanal führt durch die Turmfundamente hindurch und war mit hydraulischem Mörtel, sog. Opus signinum ausgekleidet.











1997: Karolingerstraße

Ausgrabungen südlich der Aula regia, Karolingerstraße 5, Kampagne 1997 Ausgrabungen südlich der Aula regia, Karolingerstraße 5, Kampagne 1997 | © 

Nach dem Abriss eines einsturzgefährdeten Wohnhauses mit Scheune konnte im südlich angrenzenden Nachbargrundstück der Aula regia eine Grabungsfläche angelegt werden. Zu den wichtigsten Befunden dieser Kampagne zählt eine Warmluftheizung des 12./13. Jahrhunderts, die das bislang älteste Zeugnis einer Heizanlage in der Pfalz Ingelheim darstellt. Der technische Aufbau dieser Warmluftheizung gliedert sich in drei Funktionsbereiche:

Der Brennraum wurde von Süd durch eine Beschickungsöffnung mit Brenngut beladen, entleert und gereinigt. In dem Sandsteingewände der Öffnung sind die Verankerungslöcher einer eisernen Ofenklappe erkennbar. Die Ofenwände bestehen aus Becherkacheln, die in dichten Abständen lagenweise in Lehm geschichtet worden sind. Dieser Teil der Heizanlage gleicht in seiner Konstruktion denjenigen Kachelöfen, die auf vereinzelten Abbildungen des Spätmittelalters dargestellt sind.

Der mit Lehm abgedichtete Ofenmantel umschließt den Kachelofen auf drei Seiten. Die vierte Wand wurde durch die Apsis der Aula regia gebildet. Die Konstruktion ermöglichte das Speichern der Ofenwärme, die auch nach Beendigung des Brennvorgangs eine regulierbare Nutzung rauchfreier Wärme in einem über dem Ofen gelegenen Wohnraum gestattete.

Aufgrund der sehr gut erhaltenen fragilen Befunde, deren Freilegung eine große grabungstechnische Herausforderung darstellte, handelt es sich bei der Warmluftheizung in der Pfalz Ingelheim um ein singuläres technikgeschichtliches Denkmal, das im Jahr 2000 durch einen Schutzbau dauerhaft konserviert und zugänglich gemacht werden konnte.



1996: Ottonenstraße

Das Gebiet zwischen der Pfalz und der 400m westlich gelegenen Remigiuskirche war bis 1996 unbebaut. Mit der Planung der Ottonenstraße und einer Wohnanlage im nördlich angrenzenden St. Kiliangarten wurden Rettungsgrabungen notwendig. Die zentrale Fragestellung lautete, wie das Weichbild der Pfalzanlage bebaut und strukturiert war.

Luftfoto von Nieder-Ingelheim mit Kaiserpfalzgebiet (Vordergrund) und St. Remigiuskirche, Rettungsgrabungen O-1 bis O-3, 1996 Luftfoto von Nieder-Ingelheim mit Kaiserpfalzgebiet (Vordergrund) und St. Remigiuskirche, Rettungsgrabungen O-1 bis O-3, 1996 | © 

Hierzu konnten zahlreiche Spuren von Gebäuden, die ausschließlich in Holzbauweise errichtet waren, freigelegt werden. Die Pfostenhäuser sowie Grubenhäuser und –hütten waren am besten dort nachweisbar, wo ihre Gründungen in den geologisch gewachsenen Lettenboden hinabreichten.

Schlussphase der Rettungsgrabung O-2 im St. Kiliangarten, 1996 Schlussphase der Rettungsgrabung O-2 im St. Kiliangarten, 1996 | © 

Ihre Anordnung lässt auf eine vergleichsweise geringe Dichte der Besiedlung und auf eine bevorzugte Ausrichtung in Ost-West-Richtung schließen. In den Grubenfüllungen wurden Abfälle und Werkzeuge gefunden, die Metallhandwerk und Textilerzeugung anzeigen.

Bislang sind das Siedlungsbild und die Periodisierung nur unzureichend rekonstruierbar. Es ist daher notwendig, vor künftig geplanten Baumaßnahmen im Bereich Ottonenstraße archäologische Voruntersuchungen durchzuführen. In der lehmhaltigen Planierung über einer verfüllten Grube wurde eine Goldmünze entdeckt, die das bislang am meisten Aufsehen erregende Fundstück darstellt. Der karolingische Solidus mit einem Durchmesser von 18,7–19,5mm zeigt auf der Rückseite ein Stadttor mit der Umschrift Arelato, die Arles (F) als den Prägeort ausweist.

Das Herrscherporträt der Vorderseite ist durch Lorbeerkranz und Kaisermantel ausgezeichnet; die Identität des Dargestellten wird in der (hier ergänzten) Titulatur aufgelöst: D(ominus) N(oster) KARLUS IMP(erator) AUG(ustus) REX F(rancorum) ET L(angobardorum). Karl der Große wird als König der Franken und Langobarden und als Kaiser tituliert. Die Münze wurde demnach in der Zeit zwischen der Kaiserkrönung 800 und dem Tod Karls des Großen 814 geprägt.

Die Existenz einer Goldemission war bislang nicht bekannt und durfte als unwahrscheinlich gelten, nachdem seit der Münzreform 792/794 die Währung im Frankenreich ausschließlich aus Denaren (Silberpfennigen) bestand. Im Hinblick auf Ihren Fundort wohnt der Münze ein besonderer Symbolwert inne, da sie das Porträt des Bauherrn der Kaiserpfalz Ingelheim abbildet.

Goldmünze Karls des Großen, Fundort: St. Kiliangarten 1996, avers (links) und revers (rechts) Goldmünze Karls des Großen, Fundort: St. Kiliangarten 1996, avers (links) und revers (rechts) | © 



1994-1998: Aula regia

Der "Saal" bei Sebastian Münster mit Darstellung der Aula regia (rot), 1550 Der "Saal" bei Sebastian Münster mit Darstellung der Aula regia (rot), 1550 | © 

Bei der Auswahl geeigneter Grabungsflächen wurde im Bereich der ehem. Palastaula eine besonders günstige Situation angetroffen. Durch kommunalen Eigentumserwerb in Verbindung mit dem Abriss dortiger Gebäude wurde es möglich, im Gelände der Aula, sowohl im Palastinneren als auch östlich in Richtung der Kirche, mehrere großflächige Grabungsschnitte zu öffnen.

Hierbei zeigte sich alsbald, dass das Bodendenkmal von modernen Störungen weitreichend verschont geblieben war. Schon dicht unterhalb des heutigen Straßenniveaus traten die Umfassungsmauern der Aula innerhalb einer ungestörten Abfolge von Kulturhorizonten zutage. Unter einem neuzeitlichen Pflaster aus jener Zeit, in der die Pfalzmauern zu anderweitigen Bauzwecken abgetragen worden waren, fanden sich erste, zur Raumausstattung der Aula gehörende Reste. So wurde in der Nordostecke ein Turmofen angetroffen, dessen reich dekorierte Ofenkacheln dem 16. Jh. angehören. Zu dieser Zeit wurde das Gebäude offenbar noch genutzt, vielleicht in Zusammenhang mit einem seit 1354 im Pfalzbereich existierenden Augustiner-Chorherrenkonvent, auf dessen fortwährende Existenz auch Sebastian Münsters Abbildung der Pfalz mit der Aufschrift „Monasterium“ aus dem Jahre 1550 deutet.

Genauere Kenntnis von der Ausstattung des frühmittelalterlichen Reichssaales konnte in der Schichtung verschiedener Fußböden und unbefestigter Nutzungshorizonte erlangt werden. Der älteste befestigte Fußboden zeichnet sich durch eine bis zu 0,4m starke Rollierung, in diesem Fall ein aus Bruchsteinen gebildeter Unterbau, aus. Reste eines daraufliegenden Estrichs fanden sich nicht, wohl aber kleinformatige Steinplättchen, die zu einem opus-sectile-Boden gehört haben könnten. Nach ihrer Kleinteiligkeit und dem insgesamt geringen Vorkommen zu urteilen, könnte es sich jedoch ebenso um die Überreste einzelner Zierfelder handeln. In demselben geschlossenen Fundzusammenhang zwischen diesem und einem Boden des 10. Jh. wurden große Mengen von bemaltem Putz freigelegt. Das Spektrum der Farben ist umfangreich, wobei neben den einfarbigen auch zwei- oder mehrfarbige Fragmente mit linearen Mustern geborgen wurden.

Das Vorhandensein eines Wandzyklus, wie ihn Ermoldus Nigellus für die Aula und eine Kirche in der Pfalz Ludwigs des Frommen zu 826 beschreibt, findet allerdings durch den archäologischen Befund keine direkte Bestätigung. Nur eine kleine Gruppe von Fragmenten deutet auf figürliche oder ornamentale Darstellungen, Inschriften oder ähnliches hin. Wenngleich deren vormalige Existenz in Anbetracht der geringen Größe aller erhaltenen Stücke nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, muss ebenso mit der Möglichkeit einer nicht figürlichen oder gegenständlichen, sondern zum Beispiel geometrischen Ausmalung gerechnet werden, deren Wirkungsabsicht die Imitation antiker Wanddekoration mit Marmorinkrustationen gewesen ist.

Das bedeutendste Einzelfundstück der Ausgrabungen bei der Aula regia wurde in einer Grube aus der Bauzeit entdeckt:

Riemenzunge mit Tassilokelchstil-Dekor, sp. 8./9. Jahrhundert Riemenzunge mit Tassilokelchstil-Dekor, sp. 8./9. Jahrhundert | © 

Die Riemenzunge mit Tassilokelchstil-Dekor (89x15x3mm) war feuervergoldet und wurde mit drei eisernen Nieten am Ledergurt befestigt. Auf der Vorderseite sind zwei Fabelwesen mit trompetenförmigen Maul und echsenartigem Körper dargestellt, die in ein Geflecht von Band- und Linienwerk verstrickt sind. Das Hauptmotiv wird von einem Dreiecksmuster und von vegetabilen Ranken gerahmt, die ebenfalls in Tierköpfen enden. Der Tassilokelchstil tritt erstmals 777 an dem namengebenden Kelch, einer Stiftung Tassilos III. von Bayern und seiner Gattin Liutpirc an das Stift Kremsmünster auf, und ist in der Kunstmode des späten 8. und des frühen 9. Jahrhunderts vor allem auf liturgischem Gerät anzutreffen.



1993: Nordflügel

Das Grundstück Karlstraße 7, ehem. „Zimmerplatz“ ist eine der wenigen nicht überbauten Flächen im Saalgebiet. In diesem Gelände endete die letzte Grabungskampagne von U. Weimann (Oberleitung W. Sage) im Jahr 1970.

Ausgrabungen auf dem "Zimmerplatz", Karlstraße 7 im Jahr 1993 Ausgrabungen auf dem "Zimmerplatz", Karlstraße 7 im Jahr 1993 | © 

Es gelang, beginnend an der westlichen Untersuchungsgrenze, die Ausgrabungen fortzuführen. Teils konnten Anschlüsse zu den Profilen der älteren Grabungsschnitte hergestellt werden. 0,6m unter der heutigen Geländeoberfläche wurden Fußbodenreste des Nordflügels festgestellt, darunter liegen mehrere Auffüllungen, die zum Zweck der Nivellierung der von Süd nach Nord fallenden Oberfläche angelegt worden sind. Zu den weitgehend ungestört überlieferten Schichten der Bauzeit konnten Befunde von Baugerüsten dokumentiert werden, darunter auch Holz aus grundwasserfeuchtem Milieu, das zur Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode geeignet war.

Der Grundriss des Nordflügels in Form eines langgestreckten Gebäudeflügels konnte bestätigt werden. Sicher bildet er in Linie mit einer Ost-West verlaufenden Hangkante den Nordabschluss des Pfalzareals. Indessen haben sich keine weiteren Hinweise gefunden, die eine zweite karolingische Bauperiode von bedeutendem Umfang anzeigen.

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Der Solidus Karls des Großen: Vorder- und Rückseite der Goldmünze

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